Fauré, Gabriel-U.,
franz. Komponist, Organist u. Lehrer, * 12. 5. 1845 Pamiers, t 4.
11. 1924 Paris. Eltern u. Bekannte wurden frühzeitig auf die
musikalische Begabung F. aufmerksam. Über den
Parlamentsabgeordneten seines Departements bat F. Vater um ein
Stipendium an der Ecole Niedermeyer in Paris. F. wurde angenommen
u. trat 1854 in die Niederineyersche Schule für kirchliche u.
klassische Musik ein. Die als Internat geführte Schule
vernachlässigte auch die humanistischen Fächer nicht. Zu F.
Lehrern gehörte der junge C. Saint-Saëns, bei dem er
Klavierunterricht erhielt u. mit dem ihn eine lebenslange
Freundschaft verbinden sollte. 1865 schloß F. seine Studien an
dieser Schule mit dem Kompositionspreis ab, der ihm für sein
Cantique de Jean Racineverliehen wurde, obwohl das Stück gegen
alle Regeln für die einzureichenden Kompositionen verstieß.
1866-69 war er Organist an StSaveur in Rennes, nach dem 70er
Krieg Organist an St-Honore-dEylau u. St-Sulpice in Paris,
1877 Kapellmeister an der Madeleine. Daneben unterrichtete er
Komposition an der Niedermeyerscheu Schule, wo A. Messager zu
seinen ersten Schülem zählte. 1877 wurde seine 1. Violinsonate
aufgeführt u. gemeinsam mit Saint-Saöns eine Reise nach Weimar
unternommen, wo Liszt die Aufführung von dessen Oper Samson er
Dalila durchgesetzt hatte. 1879 erschien F. Premier Recueilmit
Liedern, die im Lauf der ersten zehn jahre seines Schaffens
entstanden waren (op. 1-8). Sie gehören noch heute zu den
bekanntesten Werken des Komponisten. 1883 heiratete er die
Tochter des Bildhauers Frémiet. Der Tod des Vaters schlug sich
in seinem Requiem nieder, das 1887 komponiert u. 1888 in der
Madeleine zum ersten Mal aufgeführt wurde. 1892 übernahm F. als
Nachfolger E. Guirauds das Amt des Inspektors der
Provinz-Konservatorien u. 1896 in Nachfolge von Dubois die
Organistenstelle an der Madeleine. Im gleichen Jahr wurde er auch
zum Nachfolger J. Massenets am Conservatoire ernannt u. übernahm
dessen Kompositionsklasse. 1898 entstand für das Londoner Prince
of Wales Theatre die Bühnenmusik zu Maeterlincks »Pelléas et
Melisande«, die F., solange das Stück gegeben wurde, selbst
dirigierte. 1899 komponierte er Prometheus nach einer lyrischen
Tragödie von J. Lorrain u. F.-A. Hérold für die Arena von
Béziers. 1903 machten sich erste Anzeichen eines Gehörleidens
bemerkbar. Trotzdem übernahm er die musikalische
Berichterstattung für den »Figaro«, bis 1914 regelmäßig,
dann bis 1921 sporadisch. 1905 wurde er gegen den erbitterten
Widerstand eines Teils der Professoren zum Direktor des Pariser
Conservatoire ernannt. Die von ihm sofort in die Wege geleiteten
Refonnen hingegen fanden allgemeine Zustimmung. F. behielt diese
Position bis 1920. Sein Einfluß auf die Entwicklung des franz.
Musiklebens kann gar nichthoch genug eingeschätztwerden. Zu
seinen Schülern gehörten Ch. Koechlin, N. Boulanger, G. Enesco,
M. Ravel, F. Schmitt, E. Vuillermoz u. Roger-Ducasse. Dem
letzteren übergab er noch kurz vor seinem Tod das Manuskript
seines Streichquartetts mit der Bitte um Durchsicht u.
Veröffentlichung.
F. Musik bezieht ihre Originalität aus dem für ihn typischen
Klanggeflecht, seinen melodische Einfällen u. den immer wieder
überraschende Harmonien. Er ist ein Meister der Modulation, der
auch Wendungen in Kirchentonarten nicht scheute. Sein großes
kammermusikalisches Werkistganzzu Unrechtheuteimmernochweitgehend
unbekannt.
Zu F. Kompositionen gehören die Opern
Promithie (1899-1900) u. Pénélope (1908-13); die Bühnenmusiken
Caligula (1888), Shylock (1889), Pellias er Milisande (1898), Le
volle du bonheur (1901) u. Masques et bergamasques (1919); 1
Messe de Requiem für S., Bar., Chor, Orch. u. Org. (l887) u. 1
Messe basse für 3 Frauenst. u. Org.; mehrere weltliche
Chorwerke, darunter Les DjinnsfürChoru. Orch. (1875); die
Orchesterwerke Sinfonie in d-Moll (1884), Allegro symphonique
(unter Verwendungvon Suite für Orch., 1875, u. Suiten aus
verschiedenen Bühnenmusiken); 1 Ballade für Kl. u. Orch.
(ursprünglich Kl. solo, 1881); Romanze für V. u. Orch. (1892)
u. Fantasie für Ki. u. Orch. (1919); 2 Klavierquartette (1879 u.
1886); 2 Klavierquintette (1906 u. 1921); 1 Klaviertrio(1923) u.
1 Streichquartett(1924); 2Violinsonaten (1 876 u. 1917); 2
Cellosonaten (19 18u.1922) sowie verschiedene Stöcke für Vc. u.
KI., 1 Andante für v. u. Kl. u. 1 Fantasie für Fl. u. Kl. sowie
Impromptu u. Une Chätelaine en satour für Hf. solo. Das
Klavierwerk F. besteht aus Trois Romance,9 sans paroles (1863); 6
Impromptus; 13 Barkarolen; 4 Valses-Caprices; 1 Mazurka(1883); 13
Noctumes, Themau. Variationen (1896); 8 kurze Stücke
(1898-1902); 9 Präludien (1910-11) u. Dolly, 6 Stücke für Kl.
zu 4 Händen. Das Lied schaffen F. läßt sich am besten in drei
Recueils - I. (op. 1-8), 11. (op. 18, 21, 23, 27, 39, 43 u. 46)
u. III. (op. 51, 58, 76, 83 u. 85) sowie die Zyklen Bonne Chanson
(1893), La Chanson dtve (1906-10), Le Jardin clos (1915),
Mirages (1919) u. LHorizon chimétique (1921) einteilen.
Lit.: L. Vuillemin, G. F. et son oeuvre, Paris 1914; Ch.
Koechlin, F., Paris 1927; Ph. Faure-Fremiet, G. F., Paris 1929,
NA 1957; V. Jankélavitch, G. F. er ses melodies, Paris 1938; C.
Rostan, LEuvre de G. F., Paris 1945, dt. Lindau 1947; N.
Ch. Suckling, F., London 1946; M. Favre, G. F. s Kammerrnusik,
Zürich 1947; Ph. Faure-Fremiet (Hg.), Lettres intimes, Paris
1951; E. Vuillermoz, G. F., Paris 1960; J.-M. Nectoux, F., Paris
1972.